Nur noch knapp 50 Pferde, etwa 10 Hengste und 40 Stuten – was fast wie eine Fußnote klingt, ist in Wahrheit ein stilles Drama: Die Alten Mecklenburger, einst Rückgrat der Landwirtschaft, des Militärs und der Mobilität in Mecklenburg-Vorpommern, stehen heute kurz davor, in Vergessenheit zu geraten. Dabei ist diese Pferderasse ein lebendiger Beweis für Stärke, Vielseitigkeit und Charakter.
Die Zucht der Alten Mecklenburger geht bis ins Jahr 1550 zurück. Die Herzöge von Mecklenburg-Schwerin und Güstrow verfolgten damals ein klares Ziel: ein Pferd zu entwickeln, das sowohl wirtschaftlich als auch militärisch vielseitig einsetzbar war. Und sie schufen den Grundstein für eine Rasse, die Mecklenburg nicht nur geprägt, sondern über Jahrhunderte getragen hat. Auf den schlechten Wegen des weiten Landes zogen Mecklenburger Pferde schwer beladene Getreidewagen zu den Häfen in Rostock, Wismar oder Stralsund. Auch die Postkutschen wurden von ihnen gezogen, oft mit sechs Pferden bespannt, um Tempo und Tragkraft zu vereinen. Dass diese Tiere dabei auf einfachem Gebiss geritten oder gefahren wurden, statt mit Kandare, spricht für ihre bemerkenswerte Rittigkeit und ihren ausgeglichenen Charakter.
Die herausragenden Eigenschaften der Alten Mecklenburger, nämlich Leistungsbereitschaft, Ausdauer, Robustheit und Freundlichkeit, sind bis heute erhalten geblieben. In der modernen Zucht liegt der Fokus weiterhin auf Charakterstärke und Vielseitigkeit. Ob im Reitunterricht mit Kindern, beim Voltigieren oder als Freizeitpartner im Gelände: Der Alte Mecklenburger überzeugt durch seine Nervenstärke und sein verlässliches Wesen. Auch vor der Kutsche macht er eine gute Figur, nicht nur, weil es seine ursprüngliche Bestimmung war, sondern weil man sich auf ihn einfach verlassen kann.
Was viele überrascht: Der Alte Mecklenburger ist auch im Turniersport zu Hause. Seine Leistungsbereitschaft zeigt sich auf dem Dressurviereck ebenso wie im Springparcours. Im Fahrsport und in der Vielseitigkeit kommt seine Kraft und Ausdauer besonders gut zur Geltung. Gerade diese Kombination aus Tradition und moderner Einsetzbarkeit macht ihn zu einem echten Allrounder und zu einem Pferd, das nicht nur für Nostalgiker interessant ist, sondern auch für Reiterinnen und Fahrer, die Wert auf Verlässlichkeit und ein gutes Miteinander legen.
Mit dem Fall der Mauer 1990 änderte sich allerdings vieles, auch in der Pferdezucht. Neue Trends und internationale Blutlinien rückten in den Fokus, während die Alten Mecklenburger Linien beinahe vollständig in Vergessenheit gerieten. Der heutige Bestand ist auf etwa 40 Stuten und acht Hengste geschrumpft. Ein kritischer Punkt, an dem nicht nur Tierfreunde, sondern auch Kulturerbe-Bewahrer hellhörig werden sollten.
Dank der Initiative der IG Erhaltungszucht alter Mecklenburger Linien und dem Engagement zahlreicher Züchterinnen und Züchter ist es gelungen, diese wertvolle Linie vor dem völligen Verschwinden zu bewahren. Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) hat die Alten Mecklenburger daher auf die Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Haustierrassen gesetzt.
Und tatsächlich folgt die Zuchtphilosophie einem Gedanken, der vielen aus der Denkmalpflege vertraut ist: Zurück zur gesunden Substanz, mit allem versehen, was es wirklich braucht, und nur dem, was es braucht, um lange zu bestehen. Es ist ein bewusster Gegenentwurf zu kurzlebigen Trends und ein Bekenntnis zu Beständigkeit, Qualität und Respekt vor Geschichte.
Was es braucht? Aufmerksamkeit, Engagement und vielleicht den Mut, sich für eine Rasse zu entscheiden, die nicht auf Mode, sondern auf Substanz setzt. Wer einen Alten Mecklenburger in sein Leben lässt, entscheidet sich für ein Pferd und gleichzeitig für ein Stück Identität, das es verdient, erhalten zu werden.
Weitere Informationen zur IG Erhaltungszucht Alter Mecklenburger Linien e.V. findet Sie auf der Webseite.