Das Schönste an unserem Job sind die Geschichten, die wir von unserer Kundschaft erzählt bekommen. Bei unserem Listing in Schwetzin war es wieder einmal so weit, und mir sind fast die Augen aus dem Kopf gefallen, als ich von dieser Episode hörte. Natürlich kenne ich die Siedlerhöfe in Mecklenburg. Ein guter Freund von uns feiert dort seit mehr als zwanzig Jahren ein legendäres Sommerfest, und vielleicht haben wir uns vor kurzem selbst in einen solchen Hof verliebt. Doch erst jetzt konnte ich eins und eins zusammenzählen und den Zusammenhang erkennen: Heute sprechen wir darüber, wie die Katholiken im 20. Jahrhundert nach Mecklenburg kamen – einem Landstrich, der bis dahin fast ausschließlich protestantisch geprägt war.
Historischer Hintergrund
Nach dem Ersten Weltkrieg lagen viele mecklenburgische Güter in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Das Reichssiedlergesetz von 1919 sollte diese Krise in produktive Bahnen lenken: Großgrundbesitz wurde parzelliert, die Flächen an landwirtschaftliche Siedler vergeben. Die Landgesellschaften, unter anderem die in Schwerin, organisierten diesen Prozess. Es ging dabei nicht nur um Agrarpolitik, sondern auch um gesellschaftliche Neuordnung – aus Gutsdörfern wurden Siedlungsgemeinden. Dass dieses Gesetz im Laufe der Zeit auch politisch vereinnahmt wurde, darf man nicht vergessen: Während der nationalsozialistischen Herrschaft bekam es eine ideologische Dimension, weil Siedlungspolitik in den Dienst von „Blut und Boden“-Vorstellungen gestellt wurde.
Die katholische Besiedlung in Mecklenburg
Eine Besonderheit war die gezielte Ansiedlung katholischer Familien aus dem Rheinland, aus Westfalen oder Franken. Während Mecklenburg traditionell evangelisch geprägt war, setzten einzelne Gutsherren, selbst katholisch, auf eine konfessionelle Neuausrichtung ihrer Dörfer. So auch der Baron von der Kettenburg, Besitzer des Gutes Matgendorf. Er war ursprünglich evangelisch, konvertierte jedoch 1867 gemeinsam mit seiner Frau Thekla von Günderrode zum Katholizismus. An diesem Beispiel zeigt sich, wie durch Heiratspolitik im Adel katholische Einflüsse auch in den protestantisch geprägten Norden gelangten.
Nach dem Konkurs des Gutes 1927 sorgte der Baron dafür, dass die Ländereien nicht wahllos, sondern bevorzugt an katholische Siedler vergeben wurden. Dadurch entstand in einer von Reformation und protestantischer Tradition geprägten Landschaft eine katholische Minderheit mit eigener Identität.
Familien aus katholischen Regionen Deutschlands kamen zum Beispiel nach Schwetzin, um Landwirtschaft zu betreiben und eine neue Existenz aufzubauen. Und angeblich waren es die Frauen von Schwetzin, die den entscheidenden Anstoß für eine eigene Kirche im Ort gaben. Der Weg zur Messe im Nachbardorf war weit und oft kamen sie zu spät zurück, um das Mittagessen rechtzeitig auf den Tisch zu bringen. So entstand die Idee, Teile des ehemaligen Pferdestalls umzuwidmen und für den Gottesdienst herzurichten – schlicht, bäuerlich und nah am Alltag.
Das Kilianfest
Der neu gegründete Verein „St. Kilian“ gab der Gemeinschaft in Schwetzin einen festen Rahmen. Benannt nach dem fränkischen Missionar, wurde er bald zum Patron der Siedlerfamilien. Schon um 1930 entstand daraus das Kilianfest, das jedes Jahr gefeiert wurde und bis heute an diese ungewöhnliche Geschichte erinnert. Was als schlichte Feier im umgewidmeten Pferdestall begann, entwickelte sich zu einem festen Termin im Dorfleben, ein Ausdruck von Zusammengehörigkeit und Glauben, aber auch ein Stück Heimat in einer neuen Umgebung.
Die katholische Siedlungsgeschichte in Mecklenburg ist ein Stück Kulturgeschichte, das sich an Bauwerken wie dem Pferdestall von Schwetzin ablesen lässt. Aus einem Funktionsbau der Gutswirtschaft wurde ein kirchlicher Versammlungsraum, aus ökonomischem Wandel entstand ein neuer kultureller Akzent. Bis heute zeugen solche Geschichten davon, wie Gesetze, soziale Veränderungen und individuelle Entscheidungen ineinandergreifen.